Jeanette Winterson Bücher
Rezension

Rezension: Jeanette Wintersons Oranges Are Not the Only Fruit und Why Be Happy When You Could Be Normal?

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Jeanette Winterson ist eine britische Schriftstellerin, deren Werke ich nur als faszinierend und hypnotisierend bezeichnen kann. Sie handeln oft von Liebe und Verlust und beinhalten LGBT+ Themen. Winterson weigert sich aber diese Geschichten linear und chronologisch zu erzählen. Stattdessen haben ihre Werke einen experimentellen Charakter mit vielen intertextuellen Einflüssen. In diesem Beitrag wird es aber nicht um alle ihre Werke gehen, sondern um zwei besondere: Ihr erster, autobiographischer Roman Oranges Are Not the Only Fruit und ihr Memoir Why Be Happy When You Could Be Normal?

Worum geht es in den Büchern?

Oranges Are Not the Only Fruit handelt von Jeanette (ja, sie heißt genauso wie die Autorin), die von einer religiösen adoptiert und von ihrer Mutter zu einer zukünftigen Missionarin erzogen wird. Als sie sich mit sechzehn jedoch in ein anderes Mädchen verliebt, muss sie nicht nur die Kirche sondern auch ihr Zuhause verlassen.

Winterson bezeichnet diesen Roman in ihrer Memoir Why Be Happy When You Could Be Normal? als halb-autobiographisch: „I told my version – faithful and invented, accurate and misremembered, shuffled in time.“ In dem Memoir behandelt Winterson die selben Jugendjahre wie in Oranges, geht aber auch weit darüber hinaus.

Oranges wurde bereits in 1985 veröffentlicht, während Why Be Happy erst 2011 herauskam. Was ist in der Zwischenzeit passiert? So Einiges: Jeanette Winterson studierte in Oxford, veröffentlichte mehrere Bücher, Oranges wurde als Fernsehserie vom BBC verfilmt, sie hatte mehrere Beziehungen mit Frauen, hatte psychische Probleme, überlebte einen Suizidversuch, suchte und fand ihre biologischen Familie. Sie erzählt in dem Buch aber nicht einfach nur von ihrem Leben, sondern teilt auch ihre Gedanken zur akademischen Welt, Politik und Feminismus. Sie beschreibt wie ihr Bücher und auch das Schreiben mehrmals das Leben gerettet haben. Besonders lesenswert fand ich aber ihre Gedanken über die Liebe – sowohl romantische als auch familiäre – und Adoption.

Meine Gedanken zu den Büchern

Jeanette Winterson Bücher
Regal mit Jeanette Winteson Büchern

Die erste Begegnung mit Oranges Are Not the Only Fruit

Ich habe Oranges das erste Mal für einen Kurs an der Uni gelesen. Das war so ziemlich am Anfang meines Studiums und ich war ehrlich gesagt ziemlich verwirrt. In der der Besprechung sprachen nämlich Alle davon wie unheimlich lustig sie das Buch fanden. Weil ich das selber nicht nachvollziehen konnte, habe ich ehrlich an meinen Englisch Kenntnissen gezweifelt.

Jahre später, nachdem ich das Buch zum zweiten Mal gelesen habe, kann ich zwar erkennen welche Stellen meine Kommilitonen lustig fanden, würde aber, wenn überhaupt, schwarze Komödie als Ausdruck benutzen. Die Mutter im Buch wurde zum Beispiel als komisch empfunden. Sie ist übereifrig, scheinheilig und mag zwar hin und wieder zur Komik der Situation beitragen, aber ihre extreme Kontrolle über Jeanette und die Tatsache, dass sie ihre Tochter im Stich lässt, machen sie für mich ein Monster. (Ich möchte nicht allzu viel der Handlung verraten, aber Manches, was sie ihrer Tochter antut ist unverzeihlich in meinen Augen, vor allem wenn zusätzliche Informationen im Memoir liest.)

Die fragmentierte Erzählung

Eines der Besonderheiten dieses Romans ist die fragmentierte und nichtlineare Erzählung. Zwischendurch werden kurze, märchenhafte Geschichten erzählt, die Jeanettes Leben widerspiegeln. Es wirkt als würde Jeanette, die Romanfugur, ihr Leben durch diese Geschichten, die sie sich selbst erzählt, verarbeiten. Es wird so, zum Beispiel, die Geschichte von einer Person namens Winnet Stonejar erzählt, die von einem bösen Zauberer adoptiert wird. Die Geschichte ist eine andere Fantasie-Version von Jeanettes Leben.

In Why Be Happy, erklärt Winterson, dass sie ihre Version ihres Lebens in Oranges verarbeitet hat: „I wrote a story I could live with. The other one was too painful.“ Sie behielt viele Elemente aus ihrem echten Leben und veränderte Andere um eine Erzählung zu schreiben, mit der sie Leben konnte. So fügte sie zum Beispiel Figuren ein, die sich in ihrem eigenen Leben gewünscht hätte.

So ähnlich scheint Jeanette, die Romanfigur, ihre Geschichte immer wieder neu zu erzählen. Beim ersten Lesen, war ich allerdings nicht so begeistert von den märchenhaften Geschichten im Roman. Ich fand damals, dass sie sich im Ton zu sehr vom Rest des Romans unterschieden und konnte ihnen nichts abgewinnen. Inzwischen stören sie mich zwar nicht so sehr, aber ich würde es dennoch besser finden, wenn sie weniger oft vorkommen würden.

Wer erzählt welche Geschichte?

Die fragmentierte Erzählung findet ihren Höhepunkt im fünften Kapitel. Dieses setzt nämlich nicht die Handlung fort, sondern ist viel eher eine Abhandlung über die Erzählkunst und über die Natur von Zeit, Fakten, Fiktionen und Geschichte. Sie schreibt hier unter Anderem darüber, dass Geschichten zur Manipulation und Kontrolle verwendet werden können. Im Grunde redet sie hier von der erzählerischen Unzuverlässigkeit, sowie den Problemen der Geschichtsschreibung. Das ist meiner Meinung nach ein faszinierendes Thema – vor allem in einem halb-autobiographischem Roman – über das ich in Zukunft gerne mehr lesen würde.

„Of course that is not the whole story, but that is the way with stories; we make them what we will. It’s a way of explaining the universe while leaving the universe unexplained, it’s a way of keeping it all alive, not boxing it into time. Everyone who tells a story tells it differently, just to remind us that everybody sees it differently.“ 


Jeanette Winters, Oranges Are Not the Only Fruit, Seite 119

Religion und Jeanette

Schließlich möchte ich eines der wichtigsten Themen des Romans ansprechen: Religion. Jeanettes Eltern, vor allem ihre Mutter, sind religiös und ihr gesamtes Leben dreht sich um die Kirche. Das Ziel ihrer Mutter war es Jeanette zu der perfekten Missionarin zu erziehen. Das selbe galt auch für Jeanette Winterson, die Schriftstellerin. Sie hat somit ein umfangreiches Wissen über die Bibel und benutzt dieses auch in ihrem Roman. Es kommen nicht nur immer wieder biblische Themen und Geschichten auf, sondern der ganze Roman richtet sich an seiner Struktur an die Bibel.

Die Kapitel sind nach den ersten acht Büchern der Bibel benannt und Leser/innen, die mit dem Inhalt vertraut sind, werden sicherlich viele Parallelen zwischen den Büchern wiederfinden. Die Mutter im Roman benutzt Religion um ihre Tochter unter Kontrolle zu bringen und zu halten. Währenddessen nutzt Winterson, die Schriftstellerin, Religion um ihrer Geschichte, trotz aller Fragmentierung, eine Einheit zu verleihen und ihre Art von Kontrolle auszuüben.

Why Be Happy When You Could Be Normal?

Als ich Oranges das erste mal las hätte ich mich noch lange nicht als Jeanette Winterson Fan beschrieben. Ich bin dann aber in der Bibliothek über Why Be Happy gestolpert. Wir hatten im Kurs bereits darüber geredet, dass Oranges autobiographische Elemente enthält. Als ich nun das Memoir der Autorin fand, war ich gespannt zu erfahren, was denn nun die „Wahrheit“ und was „Fiktion“ war.
Ich hatte nur ein paar Seiten gelesen, als ich das Buch sofort wieder zurückbrachte und meine eigene Kopie beim Buchhändler bestellte. So sehr war ich von dem Buch von Anfang an beeindruckt.

Why Be Happy ist ebenfalls teilweise nichtlinear in seiner Struktur. Winterson beschreibt zwischendurch ausführlich ihre Gedanken und Gefühle zu den unterschiedlichsten Themen, die auch in ihren anderen Werken wieder auftauchen. Somit findet man hier nicht nur die Hintergrundinformationen zu Oranges sondern auch zu ihren anderen Büchern. Man erfährt woher manche ihre Einflüsse kommen und wieso so schreibt wie sie schreibt.

Eine kleine Warnung zum Inhalt

Zum Teil hat mir das Buch ehrlich das Herz gebrochen. Ich habe wirklich mit Jeanette Winterson mitgefühlt. An dieser Stelle möchte ich auch Leser/innen über den Inhalt warnen. Winterson geht ausführlich auf ihre Psyche ein, nennt sich selber verrückt und beschreibt eine ziemlich dunkle Zeit in ihrem Leben. Es wird unter Anderem ein Suizidversuch beschrieben. Leser/innen, die Bücher mit Suizidgedanken und -versuchen meiden, sollten dieses Buch also überspringen.

Ich weiß das Buch (und auch Oranges) klingt ziemlich miserabel, aber es geht eben nicht nur darum wie Winterson am Tiefpunkt ankam, sondern auch wie sie sich daraus wieder raus kämpft. Als Leser/in bekommt man einen Blick in den Ort und die Zeit in der Jeanette Winterson aufwuchs und in ihre Psyche sowie Philosophie gewährt. Sie lässt einen aber auch nie vergessen, dass das nur ihre Version der Tatsachen ist. „I have a memory – true or not true?“

Mein Fazit

In meinen Gedanken ist Why Be Happy immer unzertrennlich mit Oranges verbunden. Sie sind wie zwei Versionen der selben Geschichte, die jemand an zwei verschiedenen Tagen erzählt. Mal mit mehr Märchen, biblischen Themen und einem experimentellen Format, mal wiederum mit mehr philosophischen und politischen Gedanken einer faszinierenden Person. Ich bevorzuge die Why Be Happy Version, würde aber beide wärmstens weiterempfehlen.

Ich habe die Bücher auf Englisch gelesen. Sie wurden aber beide auch ins Deutsche übersetzt: Orangen sind nicht die einzige Frucht und Warum glücklich statt einfach nur normal?

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